Führerscheinfreie Hausboote – eine Gefahr?

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Bootsunglück bei Jesolo

Wie gefährlich sind «führerscheinfreie» Bootstouren?

Tödlicher Unfall bei einer scheinbar harmlosen Bootsfahrt auf einem Kanal in Venetien – sind «führerscheinfreie» Bootstouren wirklich so ungefährlich, wie sie in der Werbung dargestellt werden?

Ende April 2019, Nähe Venedig, eine glückliche Familienfahrt mit einem Mietboot endet für eine Familie mit dem Tod der Mutter, erdrückt zwischen Boot und Brücke.
Die genauen Unglückursachen sind noch nicht abschliessend geklärt – fest steht lediglich, dass das Boot offenbar unkontrolliert gegen eine geschlossene Hebebrücke geprallt und die Frau beim Versuch, eine Kollision abzuwenden, erdrückt worden ist.

Die offiziellen Fotos zeigen auf den ersten Blick eine harmlose Situation: Kein Wind, gute Sicht, kaum Strömung zu erkennen. Was aber wirklich geschehen ist, beurteilt nicht Alarm!, sondern im besten Fall ein Fachmann, im schlimmsten Fall ein Richter.

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Hat der Vermieter «Le Boat» fahrlässig gehandelt? Lesen Sie dazu die Analyse des «Kapitäns-Handbuches» und der «Sicherheitsanweisungen» von Alarm! am Schluss dieses Beitrages.

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Sind «führerscheinfreie» Fahrten gefährlicher oder gar verantwortungslos?

Wer mit einem Ruderboot oder einem Pedalo ein bisschen rumpaddelt, mit einem 5-PS-Elektroböötchen über den Zürisee tuckert, hat immer den Eindruck, dass Bootfahren etwas ganz Harmloses ist. Schöne Reisereportagen, gute Werbung der Hausbootvermieter tun das ihre dazu, dass jeder den Eindruck hat, locker als Kapitän durch Kanäle und Seengebiete fahren zu können. Begebe ich mich also mit einem «führerscheinfreien» Boot auf eine gefährliche Tour?

Offiziell nein, theoretisch nein, in der Praxis sehr wohl.

Eigentlich ist Boot fahren ganz einfach … vorausgesetzt, man kann es …

Lockere Bootsvermieter machen den Kunden das Mietboot gerne schmackhaft mit der Bemerkung, das wäre so einfach wie Autofahren. Das ist es auch, doch Boot fahren hat mit Autofahren überhaupt nichts gemeinsam. Da können Sie genauso «Hemden bügeln» mit «Skifahren» vergleichen – beides ist einfach, wenn man es kann. Also: missstrauen Sie Bootsvermietern, die Bootfahren mit Autofahren vergleichen.

Bin ich mit einem Bootsführerschein auf der sicheren Seite?

Juristisch ja, sachlich nein.

Ein Bootsführerschein, von wem auch immer ausgestellt, bezeugt lediglich, dass Sie einen Haufen überflüssiger Vorschriften kennengelernt haben. Und ein paar Knoten.

Natürlich lernen Sie bei einem guten Bootslehrer auch noch einige wirklich wichtige Dinge, aber die werden bei der Prüfung dann nicht abgefragt.

Richtiges, sicheres Bootfahren hat weder mit Vorschriften noch mit Führerscheinen zu tun, sondern nur mit praktischer Erfahrung. Wenn es ihnen wirklich um die Sicherheit von ihnen und ihrer Crew geht: buchen Sie ein paar Stunden mit einem erfahrenen Skipper. Der braucht kein formelles Patent, nur Erfahrung.

Die Kräfte, die in kritischen Situationen (Wind, Wellen, Strömung, schlechte Sicht etc.) auf das Schiff wirken, können enorm stark sein und werden vom Hobbykapitän grundsätzlich massiv unterschätzt. Unterwasser-Hindernisse, Untiefen, vor allem aber Strömungen sind häufig schlecht bis gar nicht zu sehen und selbst für erfahrene Skipper schwer einzuschätzen.

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Hat der Vermieter «Le Boat» fahrlässig gehandelt?

Rodolfo Keller

Der Hausboot-Vermieter «Le Boat», einer der grossen in Europa, bietet seinen Gästen (teilweise gesetzlich vorgeschriebene) Einweisungen auf den Booten an.

Einweisungen auf dem Boot

Wie seriös diese Einweisungen in der Praxis durchgeführt werden, können wir nicht beurteilen. Was aber leider häufig und allgemein bekannt ist: Diese Einweisungen werden vielfach von den Gästen nicht ernst genommen und nur als lästig empfunden. Wer an das Verhalten der Passagiere bei Sicherheitsinstruktionen im Flugzeug oder bei Schiffsreisen denkt, weiss, wovon wir sprechen.

Vergessen Sie also nie: auf dem Kreuzfahrtschiff ist der Kapitän und im Flieger der Pilot verantwortlich. Auf dem Hausboot sind Sie ganz allein verantwortlich, Ganz allein, nur Sie!

Unterlagen und Handbücher

«Le Boat» gibt den Gästen ein «Kapitänshandbuch» und revierbezogene Sicherheitsratschläge ab. Alarm! hat diese Unterlagen in Bezug auf die nautische Korrektheit analysiert.

Dabei ist klar: auf den rund zwanzig Seiten des «Handbuches», die nautischen Fragen gewidmet sind, und auf den paar Seiten der «Sicherheitsratschläge» kann keine umfassende Information zur Bootssicherheit geliefert werden. Was aber da steht, ist fachlich einwandfrei, übersichtlich und leichtverständlich erklärt und mit klaren Illustrationen versehen.

Bemerkenswert: Vor der Situation, in die das Boot bei diesem Unfall geraten ist, wird in den Sicherheitsratschlägen ausdrücklich und mit Bild gewarnt.

Es bleibt damit bei der generellen Warnung von Alarm! an alle Hobbykapitäne: Nehmen Sie die Sicherheitsregeln ernst – sie sind in diesem Fall keine Schikane. Unterschätzen Sie die Gefahren nicht, und überschätzen Sie sich selber nicht.

Fotos: Vigili del Fuoco, Alarm!
Der Autor dieses Artikels ist Inhaber offizieller Boots- und Funkscheine (SFB, SBS, UBI, SRC) mit Erfahrung auf Binnengewässern und auf See.

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