Verpatzter Sirenenalarm – wer hat versagt?

Verpatzter Sirenentest

Wo und warum hat Atos versagt?

Sirenenalarm in der Schweiz war über Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte in Sachen Zuverlässigkeit. Seit dem 7. Februar 2018 ist alles anders: Der Zulieferer Atos hat versagt, und der Schweizer Energiekonzern Alpiq verkauft kurz darauf seine ebenfalls involvierte Technologietochter.

7. Februar 2018: Wie jedes Jahr am ersten Mittwoch im Februar heulen in der Schweiz über 5000 Sirenen. In der Regel reine Routine und auch immer mit grossem Erfolg: 97 bis 98 Prozent der Sirenen funktionieren üblicherweise einwandfrei. Aber am Nachmittag des 7. Februar wird klar: von den rund 600 Spezialsirenen für den Wasseralarm haben viele versagt.

Das Bundesamt für Bevölkerungssicherheit BABS unternimmt sofort das Nötige: Der Lieferant des Systems, die amerikanisch-französische Firma Atos, wird in die Pflicht genommen. Und das BABS redet mit der Öffentlichkeit Klartext: Der Test ist teilweise misslungen, er wird in den nächsten Monaten sicherheitshalber wiederholt.

Heute heulen die Sirenen testweise erneut, und alle hoffen, dass es jetzt funktioniert.

Schweiz hat «Polyalert» nicht selber entwickelt

Tatsache ist, dass das BABS das Sirenen-Steuerungssystem Polyalert nicht selber entwickelt hat und betreibt, sondern von der durchaus renommierten amerikanisch-französischen Firma Atos, mit Sitz in Paris und einer Filiale in Zürich, eingekauft hat.

Das ist nicht grundsätzlich falsch, denn solche hochkomplexen Systeme können heute fast nur noch von Grossfirmen oder Staaten mit entsprechenden Ressourcen entwickelt werden. Kurt Münger, Kommunikationschef des BABS, sagt deshalb auch klar gegenüber Alarm!: «Es ist nicht die Aufgabe der Bundesverwaltung, komplexe Systeme selbst zu entwickeln und zu betreiben. Die erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen werden gezielt bei spezialisierten Partnern bezogen.»

Warum hat der Weltkonzern Atos versagt?

Alarm! wollte natürlich von den Verantwortlichen von Atos wissen, wie es zu der Panne hat kommen können. Leider sind diese Verantwortlichen nicht so richtig zu sprechen, und sie verstecken sich auf der Webseite hinter vielen Barrieren.

Der zum Zeitpunkt der Panne aktive Marketing- und Kommunikationschef Reiner Höflinger lässt mitteilen, dass er die Firma mittlerweile verlassen habe, und seine Nachfolgerin Bettina Franzelin meint auch nach mehrfacher Nachfrage mit präzisen Fragen nur: «Leider können wir uns zu Kunden und Projekten nicht äussern». Ein auffallender Widerspruch zu den zahlreichen Erfolgsmeldungen auf der Atos-Webseite über neugewonnene Kunden in der Schweiz mit sicherheitsrelevanten Projekten.

Wer bezahlt den Schaden?

Die Frage ist jetzt: Wer bezahlt den Schaden, der mit Sicherheit im Millionenbereich liegt? Dass die Franzosen die fehlerhafte Software auf eigenen Kosten repariert haben, ist zu hoffen. Wie es mit den Durchführungskosten für den erneuten Test steht, ist offen. Das BABS sagt dazu nur geheimnisvoll, «die Verfügbarkeit der Services sowie andere Parameter sind im Vertrag zwischen dem BABS und Atos AG (…) klar geregelt». Vielleicht schaut sich ja ein Parlamentarier die Sache nochmals genauer an.

Welche Rolle spielt Alpiq?

Interessant ist aber auch die Rolle des halbstaatlichen Energiekonzerns «Alpiq», der sich auf seiner Webseite rühmt, bei der Installation des von Atos entwickelten Polyalert-Systems eine wichtige Rolle gespielt zu haben.
Alpiq hat diese Aufträge über die Technologie-Tochterfirma Alpiq InTec abgewickelt – und jetzt gerade, am 26. März, mitten in den Auseinandersetzungen um Polyalert, verkauft sie diese Firma für 850 Millionen Franken an den französischen Baukonzern Bouyges Construction. Noch Fragen?

Ja, Alarm! hat noch Fragen. Und Sie werden die Fortsetzung der Geschichte auch hier lesen können. Sollen wir Sie direkt informieren? Senden Sie uns ein Mail an redaktion@alarmschweiz.ch